StZ sonstige Kreis-Seiten 28.04.1998

 

Eigentümer machen Druck

Abriß der denkmalgeschützen Otto-Gebäude beantragt

Der Schachzug soll Rückhalt für ein Factory-Outlet-Center in Wendlingen bringen - Außer dem Fabrikverkauf ist keine Nutzungsmöglichkeit in Sicht

WENDLINGEN, Kreis Esslingen. Ist vom Wendlinger Otto-Areal die Rede, kommen Denkmalschützer ins Schwärmen: Bei der früheren Textilfabrik handle es sich um eine ¸¸industriegeschichtlich einmalige Anlage'', lautet der Befund der Experten. Von diesem Lob freilich können sich die Eigner nichts kaufen, und erst recht nicht die Wendlinger, die in den letzten Jahren von einer Vielzahl von Firmenpleiten gebeutelt wurden. Ein Factory-Outlet-Center (FOC) auf dem autobahnnahen Areal aber stößt auf hinhaltenden Widerstand der Region, andere Nutzungen sind nicht in Sicht, weshalb die Eigentümer jetzt den Abriß der denkmalgeschützten Gebäude beantragt haben - paradoxerweise mit dem Ziel, sie zu erhalten.

Hans Köhler, ehedem Wendlinger Schultes und jetzt Geschäftsführer der Projekt-Entwicklungsgesellschaft Prorea, versteht die Welt nicht mehr: Mit Engelszungen haben die Planer beim Verband Region Stuttgart für die Genehmigung eines FOC geworben. 600 bis 700 Vollzeitarbeitsplätze sollten auf dem Otto-Areal entstehen, wobei neben dem Fabrikverkaufs-Zentrum zusätzlich ein Kinozentrum mit 1500 Plätzen, eine Discothek, ein Kultur- und Veranstaltungszentrum sowie ein Fitneßzentrum, ein Industriemuseum und zudem noch Büroflächen für kreative und dienstleistende Berufe geplant waren. Wenn es nach der Region geht, wird daraus nichts, eine detaillierte Begründung ist gar nicht erforderlich: Wendlingen als Standort firmiert lediglich als Kleinzentrum, und derartige Einrichtungen sind planungsrechtlich nur in Mittel- oder allenfalls Unterzentren zulässig.

Ginge es nach der Kirchheimer CDU-Landtagsabgeordneten Gisela Meister-Scheufelen, oder auch nach den CDU-Regionalräten aus dem Kreis Esslingen, wäre diese Unterscheidung längst hinfällig. Statt dessen sollte über Projekte wie das FOC ohne Rücksicht auf die formale Einstufung des Standorts im Einzelfall entschieden werden, meinen die Kritiker. Doch die seRechtslage kann nur der Landtag ändern - und dessen Votum kommt für das Wendlinger Vorhaben womöglich zu spät.

Würde tatsächlich geprüft, ob das Factory-Outlet-Center den Einzelhandel in den Nachbarkommunen gefährdet, wie vielfach befürchtet, dann rechnet Köhler mit einem positiven Votum. In den USA und europäischen Nachbarstaaten sei längst bewiesen, daß die befürchteten schwerwiegenden Auswirkungen auf den umgebenden Einzelhandel ausblieben. Jüngste Untersuchungen hätten sogar ergeben, daß ein FOC positive Impulse für das wirtschaftliche Umfeld habe. Blockiere die Region Stuttgart den Fabrikverkauf, so müsse sie zudem damit rechnen, daß entsprechende Einrichtungen eben jenseits der regionalen Grenzen entstünden.

Hans Köhler hat die Hoffnung noch nicht aufgegeben, daß sich die Argumente der FOC-Befürworter doch noch durchsetzen. Schließlich habe der Wendlinger Gemeinderat das Vorhaben mehrheitlich befürwortet, und die Region habe, in punkto Messe, einen planungsrechtlichen Sündenfall längst hinter sich: Schließlich dürfe ein solches Projekt formal nur in einem Oberzentrum, also Stuttgart, und damit eben nicht in Leinfelden-Echterdingen, realisiert werden. Im Zweifel, meint auch Wendlingens Bürgermeister Andreas Hesky, bleibe sonst nur der Abriß des Industriedenkmals. Um das zu erhalten, so das Kalkül der Eigner, werde man die planungsrechtlichen Vorgaben womöglich überdenken.zir