Stuttgarter Zeitung Südwestdeutsche Zeitung 4.6.1999



Reichenau will auf die Liste

Anerkennung als Kulturerbe bei der Unesco beantragt

REICHENAU, Kreis Konstanz. Die Insel Reichenau soll zum Weltkulturerbe erklärt werden. Wirtschaftsminister Döring ließ sich vor Ort die architektonischen Schätze zeigen und nahm die umfangreiche Dokumentation des Antrags an die Unesco entgegen.

Von Franz J. Schmid

Hauptkonservator Wolfgang Stopfel vom Landesdenkmalamt öffnete in der St. Georgskirche in Oberzell den Karton mit den Antragsunterlagen. Ein dickes Buch gibt allein die graphische Darstellung mit 70 historischen und neuzeitlichen Karten, Fotografien und Reproduktionen. Dazu kommen zwei umfängliche Textbände. Nicht nur die Kunst wird beschrieben, sondern auch Lage und Umgebung. Der Minister war angetan von der Darstellung und will die wissenschaftliche Untersuchung selbst in Bonn überreichen.
Der Antrag wird zunächst der Kultusministerkonferenz vorgelegt und dann nach Paris weitergeleitet. Dort befaßt sich die Welterbekommission der Unesco damit. Die förmliche Ernennung zum Erbe der Menschheit ist im Herbst 2000 zu erwarten. Bisher ist in Baden-Württemberg allein das Kloster Maulbronn als Welterbe anerkannt. Als weitere Projekte werden Heidelberg und der römischen Limes ins Auge gefaßt.
Wolfgang Stopfel lenkte den Blick vom Papier auf das Original. St. Georg in Oberzell sei die einzige Kirche nördlich der Alpen, die noch vor dem Jahr 1000 völlig ausgemalt wurde. "Ein Spitzenwerk der europäischen Kunst'', urteilt Stopfel, aber doch nur die Spitze von allem, was auf der Insel geschaffen und erhalten wurde. Im Jahr 724 erhielt der Missionsbischof Pirmin die Insel geschenkt und baute das erste Kloster. Die Zahl läßt sich durch den archäologischen Befund belegen, denn das älteste Bauholz wurde 722 geschlagen. Das hat die dendrologische Untersuchung gezeigt. Auf der Reichenau entstanden drei romanische Kirchen auf einer knappen Wegstunde Entfernung, alle drei Gotteshäuser stehen noch.
Auch der Ostteil der Kirche in Mittelzell stammt aus karolingischer Zeit. Er wurde 860 gebaut und ist das früheste Beispiel einer durch Bögen abgetrennten Vierung. Die Äbte der Reichenau waren Prinzenerzieher, Kanzler, Bischöfe, etwa in St. Denis bei Paris. Bis heute besitzt Reichenau wertvolle Reliquienschreine. "Eigentlich ist die Reichenau schon Weltkulturerbe,'' sagte Stopfel, sie müsse nur noch formal dazu erklärt werden.
Das Klosterareal sei auch archäologisch vorzüglich erforscht, darauf machte Dieter Planck, der Präsident des Landesdenkmalamts aufmerksam. Im Kreuzgang wurde die Anlage einer Warmluftheizung gefunden, wie sie zuvor in römischer Zeit gebaut worden war. Der Boden der Insel sei noch voll mit Kulturdenkmälern von denen einige wohl in die alemannische Zeit zurückreichten. Planck, der Archäologe ist, sieht die Insel im Bodensee als "einen zentralen Punkt der Landesgeschichte.''
Der Minister will die "einzigartige Kombination von Kunst, Landwirtschaft und Tourismus'' unterstreichen. Auf der Insel selbst sind aber die Bedenken nicht völlig ausgeräumt, daß der Denkmalcharakter die Entwicklung der Gemeinde stören könnte. Denkmalpräsident Dieter Planck bestritt nicht, daß mit dem Weltkulturerbe ¸¸gewisse Konsequenzen'' verbunden seien, doch Vorbehalte habe es auch bisher schon gegeben. So durften in der unmittelbaren Umgebung des Münsters keine Gewächshäuser errichtet werden.
Der Minister versicherte, die Reichenauer hätten keine zusätzlichen Einschränkungen zu erwarten. Maulbronn habe gezeigt, daß mit der Erklärung der Unesco das Interesse und damit die Zahl der Besucher fast schlagartig wachse, erläuterte Planck. Wenn das Kulturerbe Qualitätstourismus entstehen ließe, wäre das den Reichenauern nur recht.

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